Honorare zu verschweigen schadet uns allen Menu

„Honorare zu verschweigen
schadet uns allen“

Darf man über Geld reden? Man muss. Anders ist kein fairer Austausch möglich und auch keine faire Bezahlung. Sagt Freischreiber-Vorsitzende Carola Dorner im Gespräch mit ...

Henry Steinhau: Freischreiber will Honorare von Journalist*innen transparent machen. Warum?  Carola Dorner: Weil alle wissen, dass viele von uns verdammt schlecht bezahlt werden und andere richtig gut. Aber keiner weiß, wo man belastbare Daten findet. Und weil Verlage und Medienhäuser sich gern als fair bezeichnen und von vernünftigen Honoraren und zufriedenen Kollegen sprechen, doch äußerst ungern konkrete Zahlen zu ihren Honoraren vorlegen.

Für Festangestellte gibt es Tarife, für die Freien gab es zumindest in der Vergangenheit die Vergütungsregeln. Da stehen doch alle Honorarsätze drin. Reicht das nicht? Die gemeinsamen Vergütungsregeln waren schon in dem Moment katastrophal zu niedrig, als die Gewerkschaften sie mit den Verlegern aushandelten. Das haben die Gewerkschaften dann auch eingeräumt und die Regeln als einen „Besser-als-nichts“-Kompromiss verkauft. Doch genützt haben sie den schlecht honorierten Freien gar nichts – im Gegenteil: Viele Verlage haben sogar Honorare unterhalb der Vergütungsregeln gezahlt und es einfach darauf ankommen lassen, dass jemand dagegen klagt.

Die Datenerfassung von echten Honoraren ist für uns der Anfang. Transparenz ist der erste Schritt, um zu sagen, was ist, um den Kollegen eine Orientierung zu geben und um Druck aufzubauen. Nur wer seinen Marktwert kennt, kann gut verhandeln.

Über Geld redet man nicht, manchmal verbieten das sogar Vertragsklauseln. Woher sollen die Daten für mehr Transparenz kommen? Genau darin besteht das Problem. Weil keiner über Geld redet, bekommen gerade Berufsanfänger unterirdische Honorare angeboten. Unsere Datengeber können anonym bleiben, um sich nicht angreifbar zu machen.

Aber Redakteur*innen kennen doch ihre Autor*innen. Lassen sich da nicht Rückschlüsse ziehen, wer was ausplaudert? Bei größeren Medienhäusern mit vielen Freien dürfte das Zuordnen sehr schwerfallen. Je mehr Daten zusammenkommen, desto schwerer wird es. Wenn Redaktionen winzig sind und nur wenige Autor*innen beauftragen, sieht das schon anders aus. Doch auch da gilt: Wenn sich diese wenigen Kolleg*innen einig sind und zusammen auftreten, ist die Chance hoch, dass es zumindest einen Dialog mit den Redaktionen gibt. Auch die wenden sich nicht gegen ihren ganzen Autorenstamm.

Außerdem sollten wir nicht vergessen: Wir sitzen alle in einem Boot. Die Redakteur*innen, mit denen wir verhandeln, sind nicht unsere Feinde, sondern unsere Partner. Transparenz nützt allen.

Warum tun wir uns hierzulande so schwer, über Geld zu sprechen? In anderen Ländern, etwa in den USA, ist das gang und gäbe. „Über Geld spricht man nicht“, „Geld stinkt“, „Geld verdirbt den Charakter“ – schon mal gehört? Jeder von uns kennt diese Sätze. Wir alle haben diese stillen Regeln übernommen. Ganz schlimm wird es, wenn wir unseren Beruf auch noch wahnsinnig toll und wichtig finden. Vor lauter Idealismus haben wir ein regelrecht schlechtes Gewissen, wenn wir mit unserer Lieblingsbeschäftigung auch noch Geld verdienen. Von dieser Haltung müssen wir uns ganz schnell verabschieden, sonst begreifen wir Journalismus nicht als Beruf, sondern als Zeitvertreib. Wir machen einen guten Job, und der ist sein Geld wert. Punkt. Darüber müssen wir reden.

Wen will die Honorardatenbank erreichen? Alle, besonders Freie. Vor allem aber Journalist*innen, die noch nicht lange dabei sind. Oder die sich allenfalls in ihrer Nische auskennen, aber wenig über andere Auftraggeber wissen. Zudem kann eine solche Erhebung, die ja fortgeführt wird, auch Entwicklungen aufzeigen. Sie ist eine gute Vorbereitung für konkrete Verhandlungen. Sagt man einem Redakteur, was sein Verlag durchschnittlich bezahlt, wird er mit einem deutlich geringeren Angebot nicht kommen können.

Wie stellen Sie sicher, dass die anonymen Daten realen Abmachungen, Verträgen und Zahlungen entsprechen und nicht bewusst instrumentalisiert werden? Wir verfolgen die Einträge natürlich und reagieren bei Auffälligkeiten. Je mehr Daten wir sammeln, desto mehr fallen stark abweichende Einträge auf.  

Anders gefragt: Was ist nötig, um eine glaubwürdige Datenbasis zu schaffen, die wirkungsvoll genutzt werden kann? Das haben wir bei unserem Vorläufer-Tool gesehen, dem Was-Journalisten-verdienen-Tumblr: Das Wichtigste sind ganz, ganz viele Einträge aus allen Bereichen, Regionen, Genres. Die Datenbasis ist entscheidend. Im nächsten Schritt folgt die Diskussion. Wir hoffen, dass sich möglichst viele Kolleg*innen über die Einträge austauschen, dass Diskussionen in Gang kommen. Wir gehen auch gern auf Verlage zu. Wir wollen mit ihnen ins Gespräch über faire Honorare kommen, genau darum geht es uns.

Die Erfahrung zeigt: Am Ende findet sich meist jemand, der oder die für weniger Geld arbeitet. Warum sollte sich das ändern beziehungsweise wie? Ich bin sicher, das wird sich ändern. Qualität gibt es nicht zum Dumping-Preis. Zudem zeigt sich immer wieder: Honorare zu verschweigen schadet uns allen. Erst wenn Honorare transparent werden, können wir klären, was angemessene Vergütungen sind. Natürlich wird man Billigheimer nie ganz verhindern können.  Es geht darum, dieses Phänomen so klein wie möglich zu halten. Und darum, Preisbewusstsein und Verhandlungslust von Freien zu stärken. Darum dreht sich auch unsere Verkauf-dich-zum-Höchstpreis-Kampagne, die seit einigen Wochen läuft.

Wären nicht gesetzliche Mindesthonorare der bessere Weg, Freie vor sittenwidrigen Honoraren zu schützen? Wir haben ja an den faulen Kompromissen der Vergütungsregeln gesehen, wie wirkungsvoll die waren. Als sie per Verbandsklagerecht einklagbar wurden, haben die Verleger sie sofort gekündigt.  Für uns sind Mindesthonorare keine Lösung, weil sie ein viel zu niedriges Honorarniveau salonfähig machen. Wir Freischreiber halten den Ansatz „Zeit statt Zeile“ für richtig. Wer für einen Beitrag intensiv recherchiert, muss diese Zeit in Rechnung stellen können, da kann man nicht mit Zeilengeld ankommen. Außerdem geraten mit Mindesthonoraren für Freie auch Festangestellte in Gefahr. Wenn Mindesthonorare niedrig sind, laden sie dazu ein, Festangestellte mit Tricks und Finessen „freizusetzen“. Auch wollen wir ein Bewusstsein dafür schaffen, wie freie Kolleg*innen wirtschaften, damit sie als unabhängige Journalist*innen leben können. Es muss ein Verständnis dafür her, warum Tagessätze von 300, 400 oder 600 Euro absolut gerechtfertigt sind. Es kann einfach nicht sein, dass sich etliche Freie keine Alterssicherung leisten können.

Es bleiben Zweifel, wie man privatwirtschaftliche Medienhäuser, die in einem freien Markt mit freien Kreativen frei verhandeln, jemals zu so etwas wie einer Honorarmoral bewegen will. Es gibt schon seit längerer Zeit eine Debatte um Anstand und ein faires Miteinander. Auch haben Freie eine gute Freundin: die Öffentlichkeit. Glauben Sie mir, kein Verlag oder Medienhaus spielt gern das schwarze Schaf der Branche. Freischreiber sind Optimisten, die zutiefst an die Wirksamkeit von Gesprächen glauben. Also: Reden wir über Geld und Bezahlung. So viel wie nur möglich.

Bild: Lars Poeck