Wie viel ist freie Arbeit wert? Menu

Wie viel ist freie Arbeit wert?

Umsatz ist nicht gleich Verdienst. Das ist zwar eine Binsenweisheit, aber man kann sie nicht oft genug wiederholen. Für freie Journalisten und Journalistinnen ist es äußerst wichtig zu wissen, wie sie ihre Honorare kalkulieren und welche versteckten Kosten sie berücksichtigen müssen. Wie das am besten geht, zeigt ...

Frei zu arbeiten ist großartig, Selbstausbeutung weniger. Freie Journalisten sind Unternehmer und sollten deshalb genau wissen, für welches Honorar sie tätig werden – und wann sie einen Auftrag auch mal dankend ablehnen. Wer unter dem Strich weniger als 30 Euro pro Stunde umsetzt, hat nicht einmal den Mindestlohn, von einem guten Leben ganz zu schweigen.

„Ich brauch’ nicht so viel“, hört man gern von jungen Kollegen, die für geradezu sittenwidrige Zeilenhonorare schreiben. Für den Traum vom freien, unabhängigen Arbeiten lassen sie sich mit Honoraren abspeisen, die nichts mit der Entlohnung für professionelle Arbeit zu tun haben, geschweige denn mit Wertschätzung. Spätestens wenn eine Familie zu versorgen ist, fällt dann auf, dass dieses Modell dauerhaft nicht funktioniert.

Als Unternehmerin oder Unternehmer hat man Kosten, die beim Angestellten der Arbeitgeber bezahlt. Das sind nicht nur Büro, Computer, Kopierpapier (und manchmal ein Dienstwagen) – obwohl bereits hier monatliche Ausgaben von 500 Euro bis zu mehr als 1000 Euro, je nach Anspruch, auflaufen können. Dazu kommen noch Krankenkasse, Steuerberater, berufliche Zusatzversicherungen wie Rechtsschutz und Arbeitslosenversicherung oder Reisekosten. Auch Sozialabgaben, freie Tage und Krankheitstage müssen in die Kalkulation einfließen, ebenso Rücklagen für schlechte Zeiten. Nicht zu vergessen sind die Tage, die man mit Akquise und Hintergrundrecherche für neue Geschichten verbringt.

Stundenlohn berechnen!

Rund 26 Euro muss man laut einer Berechnungen von Ulli Schauen pro Stunde umsetzen, um bei 90 bezahlten Arbeitsstunden 1500 Euro für Privatausgaben zu erwirtschaften. Ulli Schauen ist Journalist, Coach und Buchautor („Das WDR-Dschungelbuch“, www.schauen.de) und hat die folgende Kalkulation in der Freienbibel der Freischreiber veröffentlicht:

Konzept: am Lebensstil orientiert (Mindestumsatz / Mindestpreise nach gewünschtem Einkommen)

Beschreibung Umfang
Monatliche Privatausgaben 1.500 Euro
Geschäftliche Ausgaben (alles inklusive) 700 Euro
Zwischensumme Umsatz 2.200 Euro
Umsatzsteuer 7 Prozent
Summe Mindestumsatz 2.354 Euro
Monatliche Arbeitszeit 180 Stunden
Anteil der unbezahlten Arbeit 50 Prozent
Ergibt bezahlte Arbeitszeit 90 Stunden
Ergibt Mindestumsatz 26,10 Euro

Eine recht durchdachte Berechnung des Stundensatzes für Freelancer, die für Journalisten und Journalistinnen ebenfalls funktioniert, findet man auch in einem Blog-Beitrag auf der Website Kontist.com.

28,60 Euro Stundenhonorar sind laut dem Blog-Autor nötig, um bei 95,65 abrechenbaren Stunden im Monat auf ein Bruttoeinkommen von 1473,33 Euro zu kommen. Für ein Durchschnittseinkommen von 3970 Euro beträgt der Stundensatz schon 59,36 Euro. Eingerechnet sind da monatliche Fixkosten von 1000 Euro und ein Sozialversicherungsanteil von 262,62 Euro. Dank der Künstler-Sozialkasse können Journalisten die Zahlen nicht eins zu eins übernehmen – aber einen Richtwert geben sie.

Total-Buy-out-Verträge vermeiden

Dass solche Umsätze bei den meisten Auftraggebern nur schwer zu erreichen sind, ist klar. Doch es gibt Medien, für die das Arbeiten Spaß macht, weil die Bezahlung fair ist. Und wer in seine Kalkulation konsequent die Mehrfachverwertung seiner Arbeit einrechnet, kann ein vernünftiges Einkommen erwirtschaften. Dass das klappt, ist Verhandlungssache – eine Zweit- oder Drittverwertung sollte man sich vom Auftraggeber nicht verbieten lassen. Da heißt es dann genau hinschauen, was man unterschreibt. Und im Zweifelsfall ein klärendes Gespräch mit der Redaktion führen. Die hat oft gar nichts dagegen, wenn die Geschichte später auch in einem anderen Medium erscheint.

Wer nicht umhin kommt, einen Total-Buy-out-Vertrag zu unterschreiben, der die Mehrfachverwertung ausschließt, sollte zumindest ein ordentliches Honorar heraushandeln und sich nicht mit Kleinbeträgen abspeisen lassen.